Es wahr einmal – der Verfall der Sprache

Es war einmal, vor langer, langer Zeit, da existierte die vollkommene Sprache. Sie war wunderschön, da keine grammatikalische Unregelmäßigkeit ihr Antlitz entstellte. Sie war so rein, dass ihr Wortschatz nur aus tugendhaften Wörtern bestand. Die Leute achteten und schätzten sie. Keiner wagte es, sie anzurühren – bis eines Tages etwas Schreckliches passierte. Ein Satz wurde verstümmelt, die Sprache beschmutzt. Der Prozess des Verfalls hatte begonnen. Immer mehr Menschen zerstörten ihr Gebilde, Sätze und Wörter. Nicht einmal vor den Lauten machten sie halt. Ihr Ziel war die Zerstörung. Nichts und Niemand konnte sie aufhalten. Bis am Ende nur noch ein Häufchen Elend zurückblieb.

Das Märchen des Sprachverfalls

Das Märchen des Sprachverfalls ist alt. So alt, dass bereits die Gebrüder Grimm, Märchenerzähler und Linguisten, es erzählten. Wie in Rotkäppchen gibt es auch hier einen Guten und einen Bösen. Die Guten, das sind die gebildeten Vorfahren, die eine perfekte Sprache entwickelt hatten. Bis wir Menschen, die Bösen, diese in einem tausendjährigen Prozess zerstörten.

Wie alle Märchen, hat auch dieses einen wahren Ursprung. Wölfe haben früher wirklich die eine oder andere Großmutter gefressen. Und Kräfte der Zerstörung sind damals wie heute in der Sprachentwicklung zu erkennen.

Vergleicht man das lateinische Kasussystem mit dem italienischen, wird dies deutlich. Es verschwinden Fälle, Wörter oder deren Bedeutung, wenn sie nicht mehr benutzt werden. „Gebrüder“ findet sich heute zum Beispiel nur noch in erwähntem Eigennamen. Gleiches gilt für Laute, die durch andere verdrängt werden. Ein Phänomen, das auch von den Grimms mit dem „Grimmschen Gesetz“ beschrieben worden ist.

Die Zukunft der Sprache

Also sieht es düster aus mit der Zukunft der Sprache, oder? Eine Vergangenheit voller Zerstörung muss doch zum Niedergang der Sprache führen. Werden wir eines Tages überhaupt nicht mehr sprechen können?

Die Antwort lautet nein. Rotkäppchen hat wohl kaum ihre Großmutter aus dem Bauch des Wolfes geschnitten. Und Sprache wird nicht zerstört. Die Prozesse der Zerstörung alter Strukturen erschaffen gleichzeitig Neues. Sprache verfällt nicht, sie verändert sich.

Guy Deutscher, ein englischer Sprachwissenschaftler mit trügerischem Namen, ist ein Vertreter dieser Meinung. Er schreibt in seinem Buch „Du Jane – Ich Goethe“, dass ebenjene Kräfte des heutigen Sprachwandels denen der Erschaffung der kunstvollen Sprachstrukturen der Vorzeit gleichen würden.

Er führt eine lange Reihe an besorgten Sprachkritikern an. Jeder von ihnen bemängelt die Sprache seiner Zeit uns wünscht sich einen Zustand der Vergangenheit zurück. In dem die Sprache aber leider auch schon kritisiert wurde. Von dem nächsten Pessimisten. Diese Paradoxe Aufzählung enthält viele bekannte Namen.: die Gebrüder Grimm und Kurt Tucholsky zum Beispiel. Aber warum erzählen sie alle das Märchen des Sprachverfalls?

Die Angst vor dem Unbekannten

So, wie der Wolf, wird auch der Wandel der Sprache als bedrohlich wahrgenommen. Das hat viele Gründe, vor allem aber die Angst vor dem Neuen und damit Unbekanntem. Aber auch, dass die Zerstörung leichter wahrzunehmen und zu erforschen ist. Das gilt für grammatikalische Verben genauso, wie für Rechtschreibfehler.

Aber Sprache wird nicht zerstört, sie entwickelt sich nur. Die Sprecher sorgen für stetige Veränderung und nicht für Verfall.

Was ist aber mit der vollkommenen Sprache? Sie existiert genauso wenig wie Rotkäppchen. Die Idee einer perfekten Ursprache, ist schlicht falsch. Denn sie geht von Sprache als einem monolithischen, statischen Konstrukt aus.

Dass dies nicht stimmt, lässt sich auch in der heutigen Sprache beobachten. Die eine Sprache mit falschen und richtigen Sätzen; mit einem unantastbaren, festgelegten Wortschatz, gibt es nicht. Fehler, Neologismen und Metaphern von heute sind Teile der Sprache von morgen. Ein Wort ist keine mathematische Konstante, deren Bedeutung sich nie verändert. Es kann mehrere Bedeutungen und Schreibweisen haben. Und das gleichzeitig. Diese synchronische Varianz schürt die Angst der Sprachkritiker. Egal wie falsch, wie übertrieben, wie hässlich ein Wort ist, man kann seine Verbreitung nicht verhindern.

Die Veränderung ist omnipräsent und ihr Ursprung liegt in den Sprechern selbst. Sie endet erst, wenn nicht mehr gesprochen wird. Eine Sprache ohne aktive Sprecher ist tot. Nur eine tote Sprache verändert sich nicht mehr. Im Umkehrschluss heißt das: „Stillstand bedeutet Tod“, wie es Daniel Guratzsch in der WELT formuliert.

Den „Verfall der Sprache“ zu befürchten, ist wie an den bösen Wolf zu glauben. Vertritt man diese Position, schließt man sich den Vertretern des unbegründeten Sprachpessimismus an. Man macht sich lächerlich, so wie ein Erwachsener, der an Märchen glaubt. Und man zeigt, dass man nichts von Linguistik versteht. Stattdessen sollte der Prozess der Veränderung und Neuschaffung betrachtet werden. So wie Rotkäppchens Zukunft ist eben auch die der Sprache offen. Aber düster ist sie nicht. Denn solange die Sprache nicht (aus-)gestorben ist, lebt und entwickelt sie sich noch heute.