Kekse statt Integralrechnung

Was verbindet man mit dem Wort Leibniz? Philosophie? Mathematik? Wahrscheinlich eher einen Keks mit 52 Zacken. Warum es vertretbar ist Kekse Integralen vorzuziehen, zeigt ein Rückblick in die Frühe Neuzeit:

Wir schreiben das Jahr 1889. Hermann Bahlsen, deutscher Unternehmer gründet die „Hannoversche Cakesfabrik H. Bahlsen“. Seine Fabrik gilt heutzutage als „weltweit agierendes Keksimperium“ – laut dem NDR zumindest. Zu Beginn, sind die Bahlsens Cakes noch unbekannt. Nicht einmal die deutsche Bezeichnung „Keks“ existiert im 19. Jahrhundert.

Zwei Jahre später ist es soweit: Bahlsen entwickelt einen Butterkeks nach englischem Rezept. Zu der Zeit ist es üblich Produkte nach bekannten Persönlichkeiten zu benennen. Unabhängig davon ob der Namensgeber eine Beziehung zum Benannten hat. Es gibt Mozartkugeln, Bismarckheringe und Schillerglocken. Schade eigentlich, dass Datenschutz heute Merkelheringe oder Bushidokugeln verbieten würde. Bahlsen ist Geschäftsmann und will daher seine Gebäckstücke aktuell vermarkten. Sie „sollen einen Namen, eine Persönlichkeit haben“. Deswegen benennt er seine Kekse nach Leibniz, einem der größten deutschen Denker. 1891 ist damit das Geburtsjahr des Leibniz Butterkekses. Wer ist denn nun dieser „Leibniz“? Und was hat er mit Integralen zu tun?

1646: Gottfried Wilhelm Baron von Leipzig wird geboren. Mit vier Jahren kann er lesen, mit acht fängt er an sich selbst Latein beizubringen. Er gilt als der letzte Universalgelehrte der Neuzeit. Leibniz beschäftigt sich während seines Studiums, das er mit 18 Jahren abschließt, also mit einer Reihe an Fachgebieten: Philosophie, Mathematik, Rechtswissenschaft, Physik und Alchemie. Daneben interessieren ihn auch Politik, Sprachwissenschaft und Theologie.

Leibniz hinterlässt der Nachwelt eine ganze Reihe an Errungenschaften. So entwickelt er beispielsweise die Dezimalklassifikation (Die Einteilung von Wissen), Pläne für ein Unterseeboot und die Infinitesimalrechnung (Integral- und Differentialrechnung). Er gründet eine Witwen- und Waisenkasse und trägt zur Begründung der modernen Sprachwissenschaft bei. Auch in der Philosophie gelten seine Schriften als bedeutend. Als wäre das nicht schon genug, beschreibt er das Dual- bzw. Binärsystem. Es ist die Grundlage moderner Computertechnologie.

1716 stirbt Leibniz in Hannover, derselben Stadt in der Hermann Bahlsen einige Jahre später seine Keksdynastie gründen wird.

Heutzutage ist Leibniz wohl hauptsächlich im Zusammenhang mit 52-zackigen Butterkeksen bekannt. Seine Entdeckungen sind deutlich weniger geläufig. Laut Bertolt Brecht ist „der Mensch […] erst wirklich tot, wenn niemand mehr an einen denkt“. An Leibniz wird noch gedacht. Allerdings eher in der Zwischenmahlzeit als im Unterricht. Offensichtlich erinnert man sich besser an gut vermarktetes Kleingebäck als an Rechnungen. Dass kulinarische Errungenschaften länger in aller Munde bleiben als wissenschaftliche, liegt auf der Hand. Wahrscheinlich ist ersteres bekömmlicher und lässt sich deutlich leichter verdauen.

Wenn man also mit Integralrechnung nichts anfangen kann, sollte man sich keine allzu großen Gedanken machen. Butterkekse sind eine gute Alternative zur Mathematikhausaufgabe. Gesellschaftlich beliebter sind sie allemal.

„Es ist unwürdig, die Zeit von hervorragenden Leuten mit knechtischen Rechenarbeiten zu verschwenden […]“, sagt schließlich auch Gottfried Wilhelm Leipzig.